Allein in der Weite: Zwei Frauen auf Wanderritt durch die Mongolei

Ankommen, Vertrauen fassen und ein jäher Einschnitt

Schon die ersten Stunden in der Mongolei fühlen sich anders an. Ich sitze in einer Jurte,  in der Mongolei Ger genannt, und blicke durch die niedrige Tür hinaus in die Weite. Draußen wiehern Pferde, ein Hengst treibt seine Herde zusammen. Ein perfekter Ort, um anzukommen-.

Ein langer Flug von Hamburg über Istanbul bis nach Ulan Bator liegt hinter mir. Die Landung am frühen Morgen verläuft unspektakulär, die Passkontrolle ist schnell erledigt. Nur mein Gepäck lässt auf sich warten, bis es ganz am Ende doch noch auf dem Band erscheint. Erleichterung. Wir sind angekommen.

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Wir – das sind Siggi und ich. Kennengelernt haben wir uns ein Jahr zuvor bei einer Alpenüberquerung. Nun stehen wir gemeinsam in Ulaanbaatar und warten auf Maria, die uns abholen soll. Sie ist seit Jahren unterwegs, mit ihrem Van von Deutschland bis hierher gefahren. Mit ihr beginnt dieses Abenteuer.

Da Maria noch nicht angekommen ist, nutzen wir die Zeit, um Geld zu wechseln. In der Mongolei läuft vieles bar – Innerhalb weniger Minuten sind wir Millionäre – zumindest auf dem Papier. Knapp fünf Millionen Tugrik wechseln den Besitzer. Danach ging es direkt zum Telefonshop. Eine SIM-Karte mit 25 Gigabyte für rund zehn Euro? Gönnen wir uns.

Unser Gepäck ist umfangreich: Kleidung, persönliche Ausrüstung und vor allem Verpflegung für mehrere Wochen zu Pferd. Auf dem Weg zur Farm halten wir an einem Supermarkt und vervollständigen unsere Verpflegung. Wir kaufen Nudeln, Süßigkeiten, Äpfel und große Mengen Trockenfleisch. Brot gibt es kaum – zumindest keines, das sich für eine lange Reitreise eignet.

Die letzten Kilometer führen über holprige Feldwege zu der Farm, von der wir unsere Pferde bekommen sollen. Bevor wir überhaupt losreiten dürfen, stehen mehrere Test- und Trainingstage an. Die Betreiber wollen sehen, ob wir reiten können, ob wir mit den Pferden umgehen, sie satteln, bepacken und führen können. Wir lernen die Tiere kennen, die mongolischen Sättel, das spezielle Packen – und auch die Regeln dieses Landes.

Planungen

Einkäufe

Knoten lernen

Idylle

Siggi und Maria beim Proberitt mit Packpferd

Wir übernachten in Gers, trinken Kaffee, gewöhnen uns an den Rhythmus. Gleichzeitig begegnen wir zum ersten Mal Dingen, die befremden: Murmeltiere, die hier als Delikatesse gelten, aber auch als Überträger der Pest bekannt sind. Wir halten lieber Abstand. Zum Abendessen gibt es glücklicherweise gefüllte Teigtaschen – keine Murmeltiere.

Die erste Nacht war… sagen wir: unerquicklich. In der Dunkelheit bleibe ich an der niedrigen Jurten-Tür hängen, zerre mir etwas im Nacken. Die Nacht wird schlaflos, der Morgen zäh. Zum Glück sind Siggi und Maria gut vorbereitet: Schmerzmittel, Wärmflasche, Ruhe. Nach etwa einer Stunde geht es mir so weit besser, dass ich aufs Pferd steigen kann.

Unsere Pferde sind echte Mongolenponys: klein, kräftig, mit kurzem Hals und geradem Rücken. Mein Pferd ist besonders kompakt, während Siggi – fast einen Kopf größer als ich – glücklicherweise ein größeres Pferd bekommt. Gewöhnungsbedürftig ist die Sattelung: zwei Gurte, einer vorne, einer weit hinten, fast an den Weichteilen. Nicht gerade pferdegerecht und sehr schmal – aber so wird hier eben geritten.

Der Sattel selbst ist weich gepolstert und relativ klein. Für mich passt das ganz gut. Nach dem Aufsteigen geht es los: Die Pferde stapfen ruhig vor sich hin, mit unglaublich bequemen Gangarten. Der Trab fühlt sich fast wie Tölt an, Galopp wäre sehr schnell – aber so weit sind wir noch nicht.

Zunächst genießen wir im Schritt die Landschaft: hügelig, endlose Grasflächen, kaum Wald. Überall Pferde- und Viehherden. Das Mongolei-Gefühl stellt sich sofort ein.

Dann kommen wir auf einen breiteren Weg, leicht ansteigend. Wir fragen, ob wir galoppieren dürfen. „Ja, galoppiert mal.“ Gesagt, getan. Die Pferde gehen sofort nach vorne, von null auf hundert – und es macht unglaublich Spaß. Am Ende des Weges haben wir alle drei ein breites Grinsen im Gesicht. Die Pferde sind super zu reiten, fein an den Hilfen, und zum Glück funktioniert auch die Bremse.

Deftiges Essen

Wir sind Tugrik Millionäre

Packsattel

Nach dem Mittagessen lernen wir das Packen: Packsattel, Packtaschen, Knoten. Danach drehen wir mit unseren Reitpferden und dem Packpferd eine Testrunde – inklusive Führpferd an der Hand. Alles klappt besser als gedacht.

In der Nacht werde ich von einem Geräusch geweckt. Es klingt, als würde jemand an unserem Essen knabbern. Licht an – und tatsächlich sitzt eine Maus mitten in den Vorräten und schaut mich völlig unbeeindruckt an. Die Konsequenz: Alles neu verpacken, so hoch wie möglich lagern. Ich bin froh, dass wir am nächsten Tag weiterziehen.

Der Tag beginnt holprig: keine Dusche, lange Wartezeiten, Diskussionen um die Pferde: Siggi bekommt ein anderes Pferd als getestet – mit sichtbar verletztem Maul. Wir weigern uns zunächst, doch schließlich nehmen wir es, in der Hoffnung, dass es bei uns besser aufgehoben ist.

Mittags reiten wir los. Nach wenigen Kilometern fällt bei Siggi die erste Packtasche herunter. Dann die nächste. Wir halten an, korrigieren, alles scheint okay. 500 m weiter dasselbe Problem. Beim erneuten Aufsteigen passiert es: Das Pferd springt vor, Siggi bleibt in den Taschen hängen, verliert das Gleichgewicht – und stürzt kopfüber über den Hals des Pferdes.

Es sieht schlimm aus. Eine Beule am Kopf, Schock. Die Pferde von Maria und Siggi rennen zurück Richtung Farm. Meines und das Packpferd können wir sichern. Maria telefoniert, organisiert Hilfe und bleibt bei Siggi, während ich die Pferde zurück zu Farm führe. Siggi wird erst im Krankenhaus in Zumood versorgt und dann weiter nach Ulaanbaatar gebracht. Aus dem anfänglichen Verdacht auf Schleudertrauma wird eine Gehirnerschütterung mit Halskrause. Klar ist: Er kann nicht weiterreiten.

Die folgenden Stunden sind geprägt von Organisation, Krankenhausbesuchen, Telefonaten mit der Auslandskrankenversicherung. Schließlich steht fest: Siggi wird nach Deutschland ausgeflogen. Das Abenteuer, das zu dritt geplant war, wird zu zweit weitergehen.

Wir kümmern uns um Siggi, packen seinen Koffer, bringen Sachen ins Krankenhaus. Besuch nur im Ganzkörperschutz – surreal. Trotz der Umstände lässt sich Siggi nicht die Laune verderben. Wir versprechen ihm regelmäßige Updates zu unserer Tour.

1. Start

Video 2. Teil

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Zurück auf der Farm ärgern wir uns: Unsere Pferde waren inzwischen mit anderen Touristen unterwegs. Vertrauen fühlt sich anders an. Aber ärgern hilft nichts – wir müssen nach vorne schauen.

Zwischen Flüssen, Gewittern und endloser Steppe

Sonne, Motivation. Doch nichts läuft nach Plan. Die Pferde werden spät eingefangen, alles zieht sich. Erst um 11:30 Uhr starten wir. Trotzdem: Wir sind endlich unterwegs.
Der Weg führt parallel zur Straße, dann in den Nationalpark – und plötzlich ist alles anders. Bäume, Wasser, kleine Bäche. Es ist Wochenende und wir treffen viele Ausflügler beim Picknick. Uns wird Wasser angeboten, ein Problem weniger.
Am Abend schlagen wir unser erstes richtiges Wildcamp auf. Lagerfeuer, Sterne, Wanderreitidylle.
Frühmorgens kümmere ich mich um die Pferde, suche Holz und finde Wasser für die Pferde. Wir starten Richtung Berg – entgegen der Empfehlung der Farm. Der Aufstieg ist steil, der Weg teilweise blockiert. Umgestürzte Bäume, zerklüfteter Fels. Wir müssen improvisieren und schlagen uns durch.
Nach sechs Stunden erreichen wir den Pass. Sechs Stunden für etwa zwölf Kilometer – aber es lohnt sich – großartige Landschaft, beeindruckende Aussicht.
Gewitter in der Nacht, Regen am Morgen. Erst gegen zehn Uhr klart es auf und wir machen uns auf den Weg. Unterwegs finden wir einen mobilen Imbiss: gefüllte Lammtaschen, heißer Tee mit Stutenmilch – perfekt.
Später, kurz vor dem geplanten Nachtplatz, fallen plötzlich golfballgroße Hagelkörner vom Himmel. Wir flüchten in eine Schutzhütte. Ein Bauer erlaubt uns zu bleiben. Abends trocknen wir alles in der Sonne. Glück im Unglück.

Erste Übernachtung

gut bepackt

Pferdebesuch

Essen am Lagerfeuer

Furten

Berge erklimmen

Durch ein wunderschönes Tal erreichen wir Terelj, hier stocken wir unsere Vorräte ein letztes Mal auf, bevor es in den 2. Nationalpark geht. In Terelj müssen wir die erste große Furt überqueren. Wir schauen den höhergelegten Fahrzeugen beim Durchqueren zu und beschließen es zu wagen, die Beine unserer Pferde sind hoffentlich lang genug. Danach verlassen wir die Zivilisation. Wunderschöne Wege, immer wieder Flussquerungen, Steppe, Wald und Moore wechseln sich ab. Wir tauchen in die Wildnis ein.

Schon bald zeigt sich, dass Wasser unser größter Gegenspieler werden wird. Der nächste Tag bringt 24 Stunden anhaltenden Regen. Dadurch sind viele Furten angeschwollen, Wege verschwunden oder unpassierbar geworden. Immer wieder müssen wir entscheiden, ob eine Furt noch sicher ist oder ob wir umkehren müssen. Mehr als einmal stehen wir knietief im Wasser, beobachten die Strömung, dicke Baumstämme treiben schnell vorbei und wissen: Hier geht es nicht weiter. Sicherheit geht vor.

Diese Entscheidungen zwingen uns, unsere Route mehrfach anzupassen. Ein geplanter Ritt zu abgelegenen Bergseen wird endgültig gestrichen. Stattdessen suchen wir neue Wege – manchmal über nicht eingezeichnete Pfade, manchmal querfeldein über Pässe, die wir uns mühsam erarbeiten. Die Navigation ist herausfordernd, denn Orientierungspunkte gibt es kaum. Oft sind es nur Gefühl, Erfahrung und Vertrauen in Mensch und Pferd, die uns weiterbringen.

Das Wetter spielt eine zentrale Rolle. Sonnige Tage mit klarer Sicht wechseln sich abrupt mit Gewittern ab. Mehrfach geraten wir in Hagel, der wie aus dem Nichts vom Himmel fällt. Dann heißt es: schnell reagieren, Schutz suchen, improvisieren. Unterstände, Viehhütten oder einfach eine Plane werden zu Rettungsinseln. Unser Regenzeug kommt manchmal an seine Grenzen.

Trotz aller Widrigkeiten sind es gerade diese Tage, die die Reise so intensiv machen. Wir baden in eiskalten Flüssen, waschen uns im Abendlicht, sitzen am Lagerfeuer und beobachten wilde Pferdeherden, die neugierig näherkommen. Einmal steht plötzlich ein Wolf am Fluss und schaut in unsere Richtung – ein stiller, eindrucksvoller Moment.

Ein besonderer Abschnitt führt uns zum Prinzessinnenkloster. Der Weg dorthin ist eine einzige Schlammwüste, zerfahren von Offroad-Fahrzeugen, anstrengend und kräfteraubend. Unser härtester Tag – erschöpft erreichen wir die Klosterruine, finden Schutz unter überdachten Rastplätzen und schlafen sofort ein. Am nächsten Morgen liegt Nebel über der Landschaft, mystisch und ruhig – ein Moment zum Innehalten.

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Auf dem weiteren Weg queren wir immer wieder Furten und auch Brücken aus löchrigem Holz, die wir mit größter Vorsicht überqueren. Kühe traben scheinbar mühelos darüber, während wir jeden Schritt planen. An einem Abend finden wir unter Birken einen perfekten Lagerplatz. Die Drohne steigt auf und fängt die Weite des Flusstals ein – Bilder, die bleiben.

Langsam geht es zurück in besiedeltere Gebiete. Unser nächstes Ziel ist das monumentale Dschingis-Khan-Denkmal. Nach zwei Wochen Instant-Ernährung hoffen wir auf einen Imbiss oder ein Café. Daraus wird leider nichts …  zu viele Touristen, keine Möglichkeit die Pferde alleine zu lassen. Stattdessen versorgt uns ein kleiner Supermarkt am Wegesrand. Je näher wir Ulaanbaatar kommen, desto mehr Zäune, Müll und Straßen tauchen auf. Nach Tagen in der Wildnis fühlt sich das fremd an.

Je weiter wir reiten, desto stärker verändert sich die Landschaft. Dichte Wälder gehen über in weite Täler, später in offene Steppe. Immer wieder kommen wir durch kleine Siedlungen, sehen verlassene Hotels, Zeugnisse gescheiterter Tourismusprojekte. Die Nähe zur Zivilisation ist spürbar – ebenso wie der Kontrast zu den Tagen völliger Abgeschiedenheit.

Unsere vorletzte Nacht verbringen wir völlig frei in der Steppe. Kein Schutz, nur Himmel, Wind und das weite Land. Der Sonnenuntergang taucht alles in ein tiefes Rot – ein würdiger Abschied.

Die letzten beiden Tage reiten wir querfeldein zurück zur Farm. Abschiedsblues liegt in der Luft. Die Pferde kommen gesund und kräftig zurück, fast ein wenig runder als zu Beginn. Mein Rückflug steht bevor. Aus dem Flugzeug sehe ich noch einmal die endlose Landschaft unter mir – Steppe, Wüste, Leere.

Schutz vorm Hagel

Wetterkapriolen

Diese Reise war fordernd, manchmal frustrierend, oft überwältigend. Sie verlangte Flexibilität, Respekt vor der Natur und Vertrauen in die eigenen Entscheidungen. Doch sie schenkte uns auch Freiheit, Stille und Momente, die man nicht planen kann.

Ein echtes Abenteuer – und eines, das lange nachhallt.

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Orga und Ausrüstung

Wir haben unsere Reise selbst organisiert.

Flugbuchung über Turkish Airlines

Pferde gemietet bei Steppriders (bekommen nicht unsere Empfehlung). Google zeigt noch eine Reihe weitere Anbieter an. Wir würde empfehlen ab Terelj zu starten.

Routen geplant mit Komoot und Google.

Meine Ausrüstung https://www.pferdefrauen.de/wanderreiten-ausruestung/

Hier findet ihr noch einige Zusatzinfos, u.a warum wir mit dem Anbieter nicht zufrieden waren

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